ISBN-13: 9783598245718 / Niemiecki / Twarda / 2003 / 517 str.
Gerade die Marburger Theologische Fakultat wurde bislang als eine Art oppositioneller "Musterfakultat" gesehen, was den Zugang zu einem angemessenen Verstandnis der Fakultatsgeschichte eher erschwerte. Tatsachlich gibt es, im Vergleich mit anderen theologischen Fakultaten, bemerkenswerte Zeugnisse von Unabhangigkeit gegenuber dem nationalsozialistischen Staat und seiner Ideologie: beispielsweise das viel beachtete Marburger Gutachten zum Arierparagraphen 1933. Doch auch hier vollzogen sich Entwicklungen, welche die anfangliche Distanz zur NS-Kirchenpolitik zunehmend auflosten. In der vorliegenden Untersuchung wird nach dem Grad der "Gleichschaltung" an der Fakultat gefragt und wieweit die verbliebenen institutionellen Freiraume konsequent genutzt wurden. Die Studie weist nach, dass die Marburger Theologische Fakultat der nationalsozialistischen Einflussnahme auf den Studien- und Wissenschaftsbetrieb keineswegs geschlossen kritisch gegenuberstand. Die Untersuchung fuhrt zu einer weitgehenden Neubewertung des Spektrums zwischen Widerstand und Opposition, Mitlaufertum und bewusster ideologischer Unterstutzung des Systems. So zeigt sich beispielsweise, dass sich die zunehmende Fraktionierung in der Fakultat keineswegs auf eine einfache Konfrontation zwischen den bekenntniskirchlich gebundenen Exponenten (Hans von Soden und Rudolf Bultmann) und ihren deutsch-christlichen Gegenspielern beschrankte: Gerade die Beachtung der scheinbar Neutralen eroffnet neue Perspektiven. Neben Professoren und dem ubrigen Lehrkorper werden erstmals auch die Studierenden in die Untersuchung mit einbezogen. In getrennten Ubersichten werden die Rektoren der Universitat, die Dekane, Ordinarien und Extraordinarien sowie die sonstigen Lehrenden der Theologischen Fakultat namentlich aufgelistet, die Studierenden der Theologie tabellarisch nach Semester und Geschlecht. Mit dem Personenregister sind Informationen uber einzelne Mitglieder der Fakultat und andere Personen leicht auffindbar. Am Beispiel der evangelisch-theologischen Fakultat der ersten protestantischen Universitat werden die Spannungen zwischen Widerstand und vorauseilendem Gehorsam im Universitatsbetrieb zur Zeit des Nationalsozialismus herausgearbeitet. Zugleich weist die Studie uber den Rahmen der Fakultat hinaus auf ubergeordnete kirchen- und universitatspolitische Zusammenhange und stellt so einen wichtigen Baustein im Prozess der Aufarbeitung der nationalsozialistischen Herrschaft durch Universitat und Theologie dar.
"... ein höchst differenziertes und multidimensionales Bild einer akademischen Disziplin..." Marburger Uni Journal, Marburg, Nr. 18, Januar 2004 "Lippmanns Darstellung der Marburger Theologie im Nationalsozialismus, die auf der Analyse eines äußerst umfangreichen Quellenmaterials fußt, ist eine Pionierleistung [...,] in methodischer Hinsicht vorbildlich."Jahrbuch der Hessischen Kirchengeschichtlichen Vereinigung, Darmstadt, Nr. 55, 2005